14. Februar 2019, 08:00 Uhr

Friedberger Clown

Clown-Doktor schwört auf die Remmidemmi-Therapie

Kommt ein Clown auf die Kinderstation im Krankenhaus, muss er nur in seine Tröte blasen und alle lachen sich schlapp. Nein, so einfach ist das nicht, weiß Clown-Doktor Ulrich Fey aus Friedberg.
14. Februar 2019, 08:00 Uhr
Als »Clown Albert« sorgt Clown-Doktor Ulrich Fey in Krankenhäusern und Altenheimen für Spaß, Abwechslung und Remmidemmi. (Foto: Nici Merz)

Bloß keine vorbereiteten Gags! Das kann schnell in die Hose gehen. »Wir sind keine Varietékünstler, wir machen keine atemberaubenden Tricks«, sagt Ulrich Fey. Schlüpft der 62-Jährige in sein Clownskostüm und besucht Kinder im Krankenhaus, hat er kein Programm und keine einstudierten Witze auf Lager. Stattdessen lässt er sich von der Situation leiten und improvisiert.

Neulich besuchte Fey einen Jungen auf einer Krebsstation. Der Vater war dabei. Als die beiden ins Krankenzimmer kamen, sagte der Vater zum Sohn, sie kämen »hereingeschneit«. »Das Stichwort habe ich aufgegriffen«, erzählt Fey. Er zerriss ein Blatt Papier und ließ es im Krankenzimmer schneien. Der Junge machte es ihm nach, die beiden lieferten sich eine »Schneeballschlacht« mit Papierkugeln. Am Ende sah es im Zimmer ziemlich wild aus. »Wenn wir kommen, machen wir Remmidemmi«, beschreibt Fey das Berufsbild eines Clown-Doktors.

Kinder auf Krebsstationen seien »extrem reduziert«, sagt Fey. »Sie dürfen nicht laufen und nicht springen, sie dürfen nichts.« Kommen die Clown-Doktoren, wird ihr Leben für einen Moment auf den Kopf gestellt. Humor heilt? Ja, aber man kann Spaß nicht mit der Spritze aufziehen und dem Patienten injizieren. Man muss sich vorsichtig herantasten.

»Eine Erkrankung ist auch eine psychische Belastung. Wir geben den Kindern ihre Kraft zurück.« Fey spricht von »temporärer Resilienz«: Damit ist die psychische Widerstandskraft gemeint, die Patienten fehlt. Die Fähigkeit, eine schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Dabei hilft Lachen. Komik. Oder eine Schneeballschlacht mit Papierkügelchen.

 

Wie in der Jazzmusik

 

Ohne Vorbereitung ins »kalte Wasser« springen und gute Laune verbreiten: »Das muss man aushalten können«, sagt Fey. Er vergleicht seine Auftritte mit denen von Jazzmusikern: Die wissen vorher auch nicht, was nachher kommt, beherrschen aber ihr Instrument und variieren ein Thema.

Clown-Doktor wird man nicht, um reich zu werden. Der Job ist mehr Berufung als Beruf. Fey kommt aus dem Journalismus. Er studierte Sport und Geschichte, machte ein Referendariat an einem Gymnasium, arbeitete zehn Jahre lang als Sportredakteur bei der FAZ. Buchveröffentlichungen und Preise folgten, Fey übernahm Lehraufträge an der Deutschen Sporthochschule Köln und der Universität Göttingen, war (und ist noch) als Bildungsreferent tätig. Glücklich wurde er damit nicht. Mit 39 Jahren drückte er wieder die Schulbank, absolvierte in Hannover eine Ausbildung zum staatlichen geprüften Clown. Als »Clown Albert« trägt er bei der Arbeit nun die »kleinste Maske der Welt«, die rote Clowns-Nase.

 

Auftritte in Altenheimen

 

Fey tritt auch in Altenheimen auf. Darüber hat er ein Buch geschrieben. »Clowns für Menschen mit Demenz« war so erfolgreich, dass bereits die dritte Auflage erschien. Anfangs habe er sich in dem Beruf »so durchgewurstelt«. Doch das war ihm zu wenig. Fey las sich in die Forschungsliteratur ein, um das »Potenzial einer komischen Kunst« (so der Untertitel) ausschöpfen zu können. In Gesprächen erfuhr er, dass viele ältere Menschen seit ihrer Kindheit traumatisiert sind. Die »preußische Erziehung« sollte ihren Willen brechen. Das haben viele bis heute nicht überwunden. Von Clown-Doktoren wird daher eine hohe Sensibilität beim Umgang mit ihren »Patienten« verlangt.

Feys aktuelles Buch »Wirklich komisch« trägt den Untertitel »Wenn Clowns Kinder im Krankenhaus besuchen«. Ein Buch nicht nur für Clowns. Wer wissen will, wie Humor funktioniert, wie sich Humor bei Kindern entwickelt und wie Eltern mit der Erkrankung ihres Kindes umgehen sollen, erfährt es hier. »Viel Wissen, wenig Wissenschaft« lautet das Schlusskapitel. Fey gelingt es, wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig unterhaltsam über ein hochsensibles Thema zu schreiben. Humor, sagt Eckart von Hirschhausen im Vorwort des Buches, ist »mehr als ein Lächeln oder eine rote Nase aufzusetzen«. Mit der »Kraft der heiteren Gelassenheit« aber könne man Berge versetzen und Kranken Mut machen.

 

Info

Der Clown

»Der Clown, wie ich ihn sehe und viele ihn heute erleben, lässt sich am einfachsten verstehen über den Vergleich zu seinen engsten Seelenverwandten, den Kindern. Er hat zwar die Statur eines Erwachsenen, benimmt sich aber nicht entsprechend. Er ist kein Kind mehr, verhält sich aber sehr kindlich. Ähnlich wie (seelengesunde) Kinder begegnet der Clown den Menschen neugierig, offen, unbekümmert und absichtslos. Das gibt ihm im Kontakt ein hohes Maß an Freiheit: Er wertet nicht, wer oder was ihm auch begegnet, spürt keinen Widerstand. Regeln bricht er – ähnlich wie Kinder –, weil er sie nicht kennt, nicht, weil er sie brechen möchte.« aus: Ulrich Fey: Wirklich komisch. Wenn Clowns Kinder im Krankenhaus besuchen, Mabuse-Verlag Frankfurt 2018, 240 Seiten, Broschur, illustriert, 19,95 Euro, Vorwort von Eckart von Hirschhausen.

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