31. Januar 2018, 13:00 Uhr

Ausstellung in Nidda

Den Opfern des NSU ein Gesicht geben

Die Wanderausstellung »Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen«, die noch bis zum 15. Februar im Heimatmuseum Nidda zu sehen, stößt auf positive Resonanz.
31. Januar 2018, 13:00 Uhr
MEZ

Neun Gruppen mit Jugendlichen – Gymnasialklassen und Firmlinge katholischer Kirchengemeinden der Region – ließen sich inzwischen von anderen gleichaltrigen über die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds informieren und an den 22 Bild- und Infotafeln vorbeiführen, die bereits mehr als 150-mal in der ganzen Bundesrepublik gezeigt wurden. Für diese Aufgabe hatten sich zehn Jugendliche des Gymnasiums Nidda gemeldet.

Die sorgfältige Vorbereitung war der Ausstellungsmacherin Birgit Mair wichtig. Die Diplom-Sozialwirtin vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung in Nürnberg, hat als Tätigkeitsschwerpunkte die Bewusstseinsbildung gegen Alltagsrassismus und Extremismus sowie die Förderung der Integration von Flüchtlingen. Der Ausstellung gingen umfangreiche Recherchen voraus, unter anderem beobachtete Mair 2012/13 den bayerischen NSU-Untersuchungsausschuss.

Reinhard Pfnorr, Leiter des Heimatmuseums, konnte in Kooperation mit Daniela Rack-Döll (Stadtverwaltung) die Ausstellung nach Nidda holen und kürzlich vor 70 Interessierten eröffnen. Sechs Gegendemonstranten, darunter die NPD-Funktionäre Daniel Lachmann und Stefan Jagsch, hatten sich zur »Mahnwache« gegenüber des Museums versammelt (die WZ berichtete). Im Museum hatte man bereits damit gerechnet und sich vorbehalten, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und bestimmten Personen den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren.

Die Ausstellung setzt auf Kurzbiografien der Opfer, ihrer Familien und Lebensumstände. Was deutlich wird: Alle acht Anschlagsopfer des NSU – sieben türkischstämmige und ein griechischer Mitbürger, dazu eine deutsche Polizistin – lebten mit ihren Familien seit vielen Jahren in Deutschland, arbeiteten, waren von keiner öffentlichen Hilfe abhängig und in ihrem Umfeld gut integriert. Birgit Mair hat diese sehr persönlichen Skizzen nur mit Genehmigung der Angehörigen in die Ausstellung aufgenommen, die Ende 2016 bereits in Büdingen zu sehen war.

Spießrutenlauf für Angehörige

Dargestellt wird auch, welche massiven Vorurteile der Ermittler die Aufklärung über Jahre behinderten. Bis hin zum monatelangen Betrieb einer als Dönerbude getarnten Ermittlungsstation wurde laut Mair ein immenser Aufwand getrieben, um eine Verstrickung der Opfer in »grenzübergreifende Kriminalität« nachzuweisen – wenn nicht gar »Beziehungstaten im Nahfeld«, Todesursache sein sollten. Als »Jahre voller Diffamierungen, Spießrutenlauf, Demütigungen« beschreiben Angehörige diese im Nachhinein haltlosen Beschuldigungen.

Auf weitere Tafeln wird das Weltbild des neonazistischen Umfelds von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe samt den in Zwickau und Eisenach gefunden Bekennervideos dargestellt. Skizziert werden die Aktionen der NSU-Unterstützerszene vom Anmieten von Wohnungen bis zur Waffen- und Fahrzeugbeschaffung.

Dokumentiert werden die 14 versuchten oder durchgeführten NSU-Banküberfälle, mit derselben Skrupellosigkeit und Aggressivität ausgeführt wie die Anschläge. Ein Bankbesucher bekam einen Bauchschuss, an einem anderen ging die Kugel knapp vorbei – auf »deutsche Volksgenossen« nahmen die Täter da keinerlei Rücksicht. Dargestellt wird schließlich das Ende von Mundlos und Böhnhardt nach dem Banküberfall in Eisenach. Die Ausstellung wirft Schlaglichter auf Verstrickungen des Geheimdienstes, den Einsatz dubioser V-Leute, die Vernichtung wichtiger Akten oder gesperrte Einsicht, die die lückenlose Aufklärung behinderten.

Im Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses, den der Bundestag einberufen hatte, ist von »massivem Behördenversagen« die Rede. Fazit der Ausstellung: Der Widerstand der Zivilgesellschaft gegen Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus muss bleiben und sich verstärken, um solche Taten zu verhindern.

Die Öffnungszeiten der Ausstellung sind dienstags und donnerstags von 15 bis 17 Uhr, sonntags von 10 bis 12 Uhr. Voranmeldung, insbesondere bei Gruppen, ist unter der Telefonnummer 0 60 43/41 39 möglich.

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