12. Dezember 2018, 20:47 Uhr

Dunkle Kapitel und Wendepunkte

12. Dezember 2018, 20:47 Uhr
Klaus Riemer

Eine etwas ungewöhnliche E-Mail ging dieser Tage bei der Ersten Kreisbeigeordneten Stephanie Becker-Bösch ein: Dr. Klaus Riemer, Neubürger in Bad Nauheim, hatte in der Zeitung gelesen, dass die Sozialdezernentin beim Vorlesetag in einer Schule vor Kindern gelesen hatte. »Ich möchte aber meine Erlebnisse, die ich im Nationalsozialismus, in der DDR-Diktatur, beim Mauerbau und beim Mauerfall erlebt habe, gerne weitergeben.«

Bei einem Besuch des 87-Jährigen wurde schnell klar: Der Mann hat viel zu erzählen. Der promovierte Theaterwissenschaftler lebt mit seiner Frau seit eineinhalb Jahren in Bad Nauheim am Rande des Kurparks Riemer, 1931 in Berlin geboren, erlebte als Siebenjähriger, wie seine platonische Liebe Edith zum Opfer in der Reichspogromnacht wurde. »Mit ihrem Bruder David habe ich als Kind gespielt. Mein Vater verkaufte den jüdischen Nachbarn in seinem kleinen Kolonialwarenladen Lebensmittel aus ›Schwundmitteln‹ über die Lebensmittelkarte hinaus.«

Freundin in Auschwitz ermordet

Die Kinderliebe Edith wurde in Auschwitz vergast, genauso wie ihre Mutter. Der Vater und der Freund aus Kindertagen überlebten als Arbeiter in einer Munitionsfabrik und emigrierten später in die USA.

Für Oscar nominiert

Nach dem Krieg kam Riemer zurück ins zerstörte Berlin. Das Elternhaus wurde notdürftig hergerichtet, der Laden im Osten Berlins wieder eröffnet. Nach dem Abitur machte Riemer eine Grafikerausbildung in Ost-Berlin und arbeitete bei der Handelsorganisation (HO). 1955 ging Riemer in den Westen Berlins. Dort studierte er Theaterwissenschaft, Germanistik, Psychologie, Kunstgeschichte und Publizistik.

Den Mauerbau am 13. August 1961 erlebte er hautnah. »Wir haben an diesem Sonntag Freunde besucht, die ganz in der Nähe der Grenze wohnten. Es wurden ja nicht gleich diese hohen Mauern gebaut, sondern man hat Betonpfosten errichtet und daran Stacheldraht befestigt. Wenn die NVA-Soldaten weit genug entfernt waren, kamen Jugendliche aus West-Berlin und haben die Pfosten niedergerissen. Bekanntlich hatte das keinen Bestand, bald kam eine hohe Mauer, die die Menschen in Berlin auf Jahre trennte.« Auch der Kontakt zu seinen Eltern und Geschwistern litt unter dieser unmenschlichen Grenze mitten durch die Stadt.

Nach Studium und Promotion arbeitete Riemer freiberuflich, um dann beim Bundespresseamt Sendungen über das Leben in Deutschland für Länder in Übersee zu produzieren. 1965 ging Klaus Riemer dann endgültig zum Fernsehen – als Redakteur des Hessischen Rundfunks. »Ich arbeitete für das Bildungsprogramm.« 1968 wurde er sogar mit dem Adolf-Grimme-Preis in Silber für die Redaktion der Sendereihe »Ein Kind wächst heran« ausgezeichnet. Von 1970 bis 1993 war Riemer Redakteur beim ZDF, hier im Bereich Kultur, Dokumentarspiel, Fernsehspiel und Film. Oscar-Nominierungen und andere Fernsehpreise, wie der Silberne Bär für die Produktion »Wohin und zurück, das Boot ist voll«, folgten.

Den 9. November 1989 erlebte Riemer ebenfalls per Zufall auch in Berlin. »Wir haben Freunde besucht, die ganz in der Nähe des Wittenbergplatzes wohnten. Am Abend ging die Grenze auf. Die Freude war riesengroß, sicher im Osten mehr als im Westen. Wir hatten uns in den 28 Jahren der Mauer voneinander entfremdet. Wir wussten voneinander nicht mehr viel.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Hessischer Rundfunk
  • Kapitel
  • Kreisbeigeordnete
  • Mauerbau
  • Mauerfall
  • Nationalsozialismus
  • Stephanie Becker-Bösch
  • ZDF
  • Bad Nauheim
  • Redaktion
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 8 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.