22. Januar 2019, 20:02 Uhr

Durch Raum und Zeit

22. Januar 2019, 20:02 Uhr
Flötistin Sabine Dreier und Rudolf Klemisch an der Gitarre bilden das »Duo Diàlogo«.

Von Johann Sebastian Bach bis hin zum zeitgenössischen Tonsetzer Jaime Zenamon, das heißt über gut 250 Jahre, spannte sich der musikalische Bogen, den die Flötistin Sabine Dreier und Rudolf Klemisch an der Gitarre als »Duo Diàlogo« am Samstagabend im Saal des Alten Rathauses an der Kaiserstraße schlugen. In neunzig Minuten erklangen zehn zum Teil hochvirtuose Stücke aus dem reichen Fundus von Werken bzw. Bearbeitungen für ein Instrument, das Sabine Dreier meisterlich beherrscht – sei es die moderne Quer-, Alt- oder Bassflöte.- Aus Johann Sebastian Bachs viersätziger Lautensuite Nr. 3 in d-Moll, BWV 997 (für Gitarre bearbeitet) erklangen das melodische Präludium und die zuweilen an den Schlusschor der Matthäuspassion gemahnende wunderbare Sarabande.

Beide Musiker zeigten sich vom ersten Ton an auf der ganzen Höhe ihres Könnens und zeigten, was dialogisches Musizieren bedeutet. Bei aller Dominanz ließ Sabine Dreier ihrem Partner an der Gitarre genügend Raum, um eigenes Können zu demonstrieren. Dass er ebenfalls ein Meister seines Instruments ist, zeigte er mit einem spektakulären Solo – Paganinis berühmter Caprice No. 24 für Solovioline in einer Bearbeitung für Gitarre. Das Werk zählt zu den schwierigsten für Violine geschriebenen und ist in der Gitarrenversion nicht minder anspruchsvoll – z. B. durch rasend schnelle Läufe. Angesichts dieser Herausforderung fielen kleinere Unsauberkeiten nicht ins Gewicht. Mit begeistertem Applaus wurde Klemischs »Mutprobe« gefeiert.

Nach Carl Ph. Emmanuel Bachs heiter-bewegtem Rondo aus der G-Dur-Sonate begeisterte Sabine Dreier an der, der menschlichen Stimme ähnelnden, Altflöte mit ihrer Interpretation des Andantino con Variazioni des 1881 in Florenz verstorbenen Giulio Briccialdi.

Der 1925 in Berlin geborene Tonsetzer Herbert Baumann machte sich bei Kennern mit mehr als 500 Bühnen- und Filmmusiken einen Namen. Dass seine Instrumentalwerke mindestens ebenso hörenswert sind, zeigte Sabine Dreier mit seiner Sonatine für Flöte solo aus dem Jahr 2016 und vor allem der dreisätzigen »Sonatina burlesca« von 1982. Beim Andante des 2. Satzes kam die imposante Bassflöte mit ihrem suggestiv-exotischen Klang zum Einsatz.

Nach wohlverdienter Pause und einem quirligen Zwischenspiel von Jacques Ibert führte die Reise nach Brasilien zu seinem berühmten Tonsetzer, dem 1887 in Rio de Janeiro geborenen Heitor Villa-Lobos.

Von Bordellen zur Belle Époque

Aus dem Zyklus von sieben »Bachianas Brasileiras« erklang die Cantilena aus der No. 5 – eine faszinierende Synthese aus Klängen J. S. Bachs und den Rhythmen der »Choros«, d. h. brasilianischer Straßenmusiker. Villa-Lobos‹ Brückenschlag zwischen barockem Europa und modernem Brasilien war wohl Höhepunkt des Flötenkonzerts im Alten Rathaus. Astor Piazzolla, der 1992 verstorbene Schöpfer des »Tango Nuevo«, lässt die Geschichte des argentinischen Tangos von seinen Anfängen in den 1880er Jahren bis in die frühen 1960er musikalisch Gestalt werden – ein großartiger Einfall.

Das »Duo Diàlogo« brachte aus seiner viersätzigen »histoire du Tango« den 2. (Café 1930) und 3. (Nightclub 1960) zu Gehör. 1930 – nach seinen schmuddeligen Anfängen in Hafenkneipen und Bordellen hat sich der Tango in der Belle Époque zur gepflegten Kaffeehaus- bzw. Orchestermusik gemausert. Der Rhythmus wird langsamer, die Klänge melancholischer. 1960: Der »Tango Nuevo« wird geboren. Sabine Dreier und Rudolf Klemisch verliehen dieser musikalischen Revolution sinnlich-greifbare Gestalt. Mit einem Tango von Jaime Zenamon endete ein wunderbares Konzert. Die beiden Künstler durften erst nach einer Zugabe den Ort des Geschehens verlassen. (Foto: gk)

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