19. März 2019, 05:00 Uhr

Urteil

Eigene Uroma überfallen? Ranstädter freigesprochen

Vor allem wegen Raubes war ein 19-jähriger Obdachloser angeklagt. Er sollte seine Urgroßmutter überfallen und ausgeraubt haben. Das Urteil fiel letztlich mit Zähneknirschen.
19. März 2019, 05:00 Uhr
(Foto: dpa/Symbolbild)

Es ist ein Freispruch mit Zähneknirschen, weil nicht das, was wir glauben, dem Urteil zugrunde gelegt werden kann, sondern nur das, was auch tatsächlich zu beweisen ist. Und da haben wir außer der Behauptung der Urgroßmutter nichts«, erläuterte Richterin Franzke ihren Urteilsspruch.

Angeklagt war ein 19-Jähriger, weil er im vergangenen August seine 84-jährige Uroma des Nachts in ihrer Wohnung in Nieder-Mockstadt überfallen und ausgeraubt haben soll. 20 000 Euro soll der Schmuck wert gewesen sein, der seitdem fehlt. Die Seniorin ist sich zwar sicher, dass ihr Urenkel, der Angeklagte, die Tat begangen hat. Aber sie hatte in dieser Nacht weder sein Gesicht noch sonst eindeutige Merkmale an ihm erkannt. »Ich bin mir aber ganz sicher. Die Art, wie er sich bewegt hat, überhaupt sein ganzer Habitus. Das kann nur er gewesen sein«, sagte das Opfer vor Gericht.

 

Mit vier Jahren ins Heim

Der Angeklagte jedoch bestritt die Tat: »Ich werde doch nicht meine Uroma überfallen. Sie ist der einzige Mensch in meiner Familie, der stets zu mir gehalten und mir oftmals aus der Patsche geholfen hat«, schilderte der junge Mann aus Ranstadt das Verhältnis zu seiner alleinstehenden Urgroßmutter. In der Tat scheint er in seinem bisherigen Leben nicht auf Rosen gebettet gewesen zu sein. Nach der Scheidung seiner Eltern wurde er mit vier Jahren in ein Heim abgeschoben. Später nahmen ihn seine Eltern zwar abwechselnd wieder auf, doch da diese inzwischen mit anderen Lebenspartner eigene Kinder gezeugt hatten, wurde er von ihnen wie ein Fremdkörper behandelt. Lediglich bei seiner Urgroßmutter bekam er so etwas wie familiäre Zuwendung. Trotzdem bestahl er sie immer wieder.

Im vergangenen Jahr wurde der Angeklagte selbst Vater, obwohl seine Lebensumstände alles andere als aussichtsreich waren. Er lebte mit seiner Freundin auf der Straße, beide hatten keinen Beruf erlernt, waren deshalb auch beschäftigungslos und genossen Alkohol und Drogen. Als seine Urgroßoma die Freundin am 21. August vergangenen Jahres nach einem Streit auf die Straße setzte, verließ der Angeklagte das Haus seiner Oma ebenfalls.

 

Überfall nach Streit mit Freundin

In der darauffolgenden Nacht kam es dann zu dem Überfall. Die Terrassentür wurde aufgehebelt, im Esszimmer sowie im Schlafzimmer wurden die beiden Schränke durchwühlt, in denen der Schmuck der Seniorin versteckt war. Nach Schilderung der 84-Jährigen soll der Täter einen Kapuzenpulli angehabt haben, die sein Gesicht verdeckte. »Wir standen uns unmittelbar gegenüber. Weil er mir mit einer Taschenlampe direkt ins Gesicht leuchtete, konnte ich ihn nicht erkennen«, berichtete die Frau von der Tatnacht. Geredet habe der Mann nicht, aber an seinen Bewegungen will sie ihren Urenkel erkannt haben. Weil der Täter anschließend noch weiter nach Wertgegenständen suchte, konnte die 84-Jährige ihn im Schlafzimmer einsperren, sodass er durch das Fenster flüchten musste.

Die herbeigerufene Polizei konnte weder den Täter noch Spuren von ihm sichern. Da der Angeklagte sich bis mittags ganz legal im Haus seiner Uroma aufgehalten hatte, waren überall Fingerabdrücke von ihm. Was die Polizei allerdings nicht finden konnte, waren DNA-Spuren am Nachthemd der Senioron oder an den Schränken, in denen ihr Schmuck versteckt war. Auch ergab die Auswertung seiner Handy-Daten keinen Aufschluss über seinen Standort zur Tatzeit – das Telefon war abgestellt.

 

Keine eindeutigen Beweise

»Somit haben wir keinen einzigen Beweis, der den Angeklagten überführen könnte. Es spricht zwar vieles für seine Täterschaft, doch das reicht nicht zum Schuldspruch«, sagte Staatsanwältin Lachmann. Sie forderte deshalb Freispruch. Dem schloss sich Verteidiger Häller an: »Selbst wenn es Zweifel an der Unschuld meines Mandaten geben sollte, so kann es mangels eindeutiger Beweise nur einen Freispruch geben.«

Das sah auch das Gericht so und verurteilte den Angeklagten lediglich wegen des mitangeklagten Schwarzfahrens mit öffentlichen Verkehrsmitteln in fünf Fällen zu 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit und zur Teilnahme an einem Antiaggressionstraining. Verteidigung und Staatsanwaltschaft nahmen das Urteil noch im Gerichtssaal an.

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