Denkmalschutz scheitert

Gericht erlaubt Asphalt statt Kopfsteinpflaster in Büdingen

Seit Jahren wird in Büdingen über die Erneuerung des Straßenbelags der Vorstadt diskutiert. Bürgermeister Erich Spamer hat nun vor Gericht erstritten, dass das Kopfsteinpflaster entfernt werden darf.
18. Januar 2018, 08:05 Uhr

Von Oliver Potengowski , 2 Kommentare
Spur- und Querrillen, lose und fehlende Pflastersteine sowie Schlaglöcher mit Pfützen empfange Besucher Büdingens in der Vorstadt. Bürgermeister Erich Spamer hat jetzt vor dem Verwaltungsgericht erstritten, dass die Stadt die Straße asphaltieren darf. (Foto: sax)

Wahrhaft mittelalterlich mutet die Straße Besuchern der Stadt Büdingen an, die sich durch die Vorstadt dem Jerusalemer Tor und damit der Neu- und Altstadt nähern. Tiefe Spurrillen haben sich in das Basaltpflaster eingefahren. In regelmäßigen Abständen laufen zwischen den Gullys Absenkungen quer zur Fahrbahn, die tiefergelegte Autos auch mit dem Spoiler aufsitzen lassen. Lose oder fehlende Steine sowie Schlaglöcher mit tiefen Pfützen vervollständigen das Bild der Schäden. Wegen des vietnamesischen Basalts, der für die Pflasterung importiert wurde, bekam die Straße in Faschingssitzungen schon den Spitznamen »Ho-Chi-Minh-Pfad« verpasst.

Stadt wollte Fehler rückgängig machen

Dabei wollte die Stadt, als sie sich Mitte der 90er Jahre im Zuge der Altstadtsanierung für den neuen Fahrbahnbelag entschieden hatte, eigentlich Fehler der Vergangenheit rückgängig machen. Denn 1958 war das ursprüngliche Kopfsteinpflaster in Vor-, Neu- und Altstadt mit einer Asphaltschicht überzogen worden. Das neue Pflaster sollte den historischen Gesamteindruck wieder herstellen.

Mehr noch als die hohen Kosten, die Bürgermeister Spamer mit bis zu 250 000 Euro beziffert, fürchtet die Stadt bei einer Erneuerung des Pflasters offenbar die lange Sperrung der wichtigen Verbindung. Immer wieder waren in den vergangenen Jahren Anläufe, die Straße fachgerecht neu zu pflastern vor allem am Widerstand der Einzelhändler gescheitert. In der letzten Wahlperiode von 2011 bis 2016 kam der Magistrat deshalb auf die Idee, die Vorstadt statt mit Kopfsteinpflaster mit einer Asphaltdecke auf der Fahrbahn zu versehen. Das ginge nicht nur wesentlich schneller, die Kosten wären auch nur halb so hoch wie bei Pflasterung, wirbt Spamer für die Idee.

 

Denkmalschutz lehnt zweimal ab

 

Diese praktischen Vorteile überzeugen jedoch den Denkmalschutz nicht. Zweimal habe die Denkmalbehörde des Wetteraukreises die Pflasterung abgelehnt, erklärt der grüne Stadtverordnete Joachim Cott, der auch Vorsitzender des Geschichtsvereins ist. »Es gab eine einvernehmliche Einschätzung auch vom Landesamt für Denkmalpflege«, erklärt der Erste Kreisbeigeordnete Jan Weckler, warum der Kreis die Asphaltierung wiederholt verweigert hat.

Es ginge wesentlich schneller und die Kosten wären auch nur halb so hoch

Bürgermeister Erich Spamer

 

Diese Sichtweise von Landesamt und Kreis wurde am Dienstag vom Verwaltungsgericht Gießen verworfen. Der Vorsitzende Richter Harald Repp räumte in seiner Entscheidung ein, dass »Pflaster historischer und vielleicht für einen Betrachter schöner ist«. Aus Sicht eines Durchschnittsbetrachters verneinte er jedoch eine erhebliche Beeinträchtigung durch eine Asphaltierung. Auch sei die Vorstadt – immerhin eine geschlossene gleichartige Siedlungsbebauung innerhalb weniger Jahre, um Wohnraum für Glaubensflüchtlinge zu schaffen – kein herausragendes, sondern nur ein normalwertiges Denkmal, lässt sich Repp zitieren.

Ausgang noch offen

Holm Istas von der Denkmalbehörde des Kreises sieht in der Asphaltierung dagegen einen Rückschritt und zweifelt auch die Einsparungen, die die Stadt anführt, an. Denn die Asphaltdecke müsse früher wieder erneuert werden als ein Pflaster. Ob Büdingen die historische Straße jetzt tatsächlich asphaltieren und ihr mit einer Prägewalze dann einen historisierenden Eindruck geben wird, ist allerdings noch offen.

Der Kreis hat einen Monat Zeit, um gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Berufung einzulegen. »Ob wir das annehmen oder in Berufung gehen, müssen wir entscheiden, wenn die schriftliche Urteilsbegründung vorliegt«, erklärt Weckler. Er begrüßt in jedem Fall, dass – egal wie der Fall juristisch ausgehen wird – bald Klarheit herrscht in der Büdinger Vorstadt. (Foto: lk)

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