Nach 80 Jahren

Hans Bär (94) will noch einmal seine Heimat sehen

Mit 14 verließ Hans Bär seinen Heimatort Wohnbach. Seine Mutter und er flohen vor den Nazis nach Argentinien. Nun, nach über 80 Jahren, möchte er seine Heimat besuchen – und hat einen Wunsch.
01. Januar 2018, 18:00 Uhr
Hans Bär und Enkelin Marlene wollen nach Wohnbach. (Foto: pv)

Mai ist eine gute Zeit. »En la Primavera«, sagt Hans Bär. Er ergänzt auf deutsch: »Frühling in Deutschland. Nicht heiß, nicht kalt.« Der 94-Jährige spricht kaum noch deutsch, das meiste hat er vergessen. Langsam jedoch kommen einige Wörter wieder. Das hat viel damit zu tun, dass Hans Bär eine große Reise plant. Im Mai will er von Argentinien nach Wohnbach – der Ort, an dem er geboren und aufgewachsen ist. Und den er vor über 80 Jahren verlassen hat. 14 war er damals. Die Nazis hatten die Macht ergriffen, und die Bärs, eine jüdische Familie aus Wohnbach, waren nicht mehr sicher. Mit seiner Mutter, erzählt er, stieg er in Hamburg auf ein Schiff – »30 Tage, dann waren wir in Buenos Aires«.

 

Aus Hans wurde Juan

 

Hans hieß bald Juan. Seine Familie sah er nie wieder; die Bärs, die zurückgeblieben waren, wurden von den Nazis ermordet.

Ein ganzes Leben ist das her. »Ich habe viel von Deutschland gelesen, aber ich möchte es noch einmal mit meinen eigenen Augen sehen. Mein Dorf, den Wandel. Ich möchte Gespräche führen.« 15 Tage, vielleicht 20, will er bleiben. Er lacht. »Eben solange, bis sie mich rausschmeißen.«

Dass Hans Bär mit 94 Jahren auf diese Idee kommt, hängt mit einem jungen Mann aus Freiburg zusammen: der 29-jährige Nikolai Sexauer ist vor zwei Jahren nach Puerto Madryn in den Süden Argentiniens gezogen.

 

Folgenreiche Bekanntschaft

 

Dort lernte er Marlene Bär-Lamas kennen – die Enkelin von Hans Bär. Über sie traf er den 94-Jährigen, der bis dahin keinerlei Kontakte nach Deutschland oder mit Deutschen hatte. Die zwei tauschten sich aus. Hans Bär erzählte von Wohnbach.

Davon, dass er den Wunsch habe, noch einmal dorthin zurückzukehren. Bis dahin sei das nie ein Thema gewesen. Er war längst heimisch geworden in Südamerika, heiratete eine Argentinierin, hat Kinder und Enkel. Eine aufwendige, vor allem aber teure Reise nach Deutschland kam für Hans Bär, der stets in einfachen finanziellen Verhältnissen lebte, nie infrage.

 

Damit es nicht am Geld scheitert

 

Doch am Geld darf es nicht scheitern, fand Nikolai Sexauer. Er initiierte eine Crowdfunding-Kampagne. Auf einer Internet-Plattform wird gesammelt (hier geht es zu der Kampagne), um Hans Bär die Reise nach Wohnbach zu ermöglichen.

Im Moment sieht alles danach aus, dass es klappt. Knapp 3500 Euro sind bereits zusammengekommen – größtenteils sollen damit die Flüge finanziert werden. Ein großes Glück ist es, dass Enkelin Marlene mitkommt. »Sie hat mich schon einmal dazu gebracht, in ein Flugzeug zu steigen. Dann schafft sie es wieder«, sagt der 94-Jährige lächelnd. Er möchte ihr sein altes Dorf zeigen. Und er will selbst schauen: Was aus der Sackgasse geworden ist, in der gewohnt hat und in der eine Pferdetränke stand. Ob es die Straße nach Münzenberg (»von dort kam der Strom nach Wohnbach«) noch gibt, in der sein Großvater einst lebte. Und was aus der »escuela primaria«, der Grundschule, geworden ist.

 

»Vielleicht erinnert sich jemand.«

 

Am meisten jedoch hofft Hans Bär, einen alten Bekannten zu treffen. »Vielleicht erinnert sich jemand an mich.«

 

Hans Bär ist glücklich in Argenitinien, wie er erzählt. Doch er hat einen großen Wunsch. 	(Foto: pv)
Hans Bär ist glücklich in Argenitinien, wie er erzählt. Doch er hat einen großen Wunsch. ...

Ob er Wut empfindet, weil er als Junge sein Zuhause verlassen musste? »Nein«, sagt er. »Viele Menschen sind den Politikern wie Schafe gefolgt. Aber ich mache den einfachen Leuten keinen Vorwurf. Sie sind keine schlechten Menschen gewesen.« Mit vielen im Ort habe ihn eine Freundschaft verbunden. Er erzählt von seinem damaligen besten Freund: Kurt. »Er war ein Jahr älter als ich.«

Vielleicht weiß wirklich noch jemand aus Wohnbach, dass dort einmal ein Junge lebte mit dem Namen Hans Bär. Zumal es da eine Geschichte gibt, die gerade den Jungs in Erinnerung geblieben sein dürfte: »Ich war der Erste im Ort, der einen Fußball hatte« – ein Geschenk von der Tante aus Frankfurt zum zehnten Geburtstag – in Argentinien habe er dann weiter Fußball gespielt, später eine Mannschaft trainiert.

 

Heimat? »Wohnbach«

 

Ja, er hatte ein glückliches und erfülltes Leben auf der anderen Seite der Welt, sagt er. »Ich hatte immer Arbeit. Und ich habe eine wundervolle Familie.« Doch bei der Frage nach seiner Heimat überlegt er keine Sekunde: »Wohnbach.« Und, sagt er dann: »Bevor ich sterbe, will ich noch einmal meine Heimat sehen.« (Fotos: pv)

Info

Wer kennt Hans Bär?

Am Anfang gab es ein Problem: Nikolai Sexauer, der in Argentinien lebt und Hans Bärs traf, suchte im Internet nach dessen Geburtsort – fand ihn aber nicht. Das lag nicht daran, dass Wohnbach auf keiner Karte auftaucht. Nikolai Sexauer hatte nach »Wurmbach« gesucht – weil er es so verstanden hatte. Das Missverständnis war schnell geklärt, Wohnbach auf einer Karte gefunden, die Pläne für die Reise dorthin bald geschmiedet. Da Hans Bärs Vorhaben, in seine Heimat zu fliegen, bisher u. a. am Geld gescheitert war, hatte der 29-Jährige eine Idee: Die Reise durch Crowdfunding zu finanzieren. Das Prinzip: Ein Projekt wird auf der Internetplattform (www.startnext.com/de/hansbaer) vorgestellt, Nutzer können es unterstützen. Wenn bis zum Ende des festgelegten Zeitraums das finanzielle Ziel erreicht ist, bekommt der Initiator das Geld, wenn nicht, wird es zurückgezahlt. Die Frist läuft noch 29 Tage, Ziel sind 4500 Euro. Für das Geld sollen u. a. Flüge finanziert werden. Für seinen Deutschland-Aufenthalt hat Hans Bär eine Menge geplant. Er will Wohnbach anschauen, und Griedel, dort hat er auch drei Jahre gelebt. Seine Enkelin möchte ein Filmtagebuch drehen, Hans Bär hat Kontakt mit Lokalhistorikern aufgenommen. Er hofft, Menschen zu treffen, die sich an ihn erinnern. Wer sich an Hans Bär oder an seine Familie erinnert, kann sich bei der WZ-Redaktion melden unter Tel. 06032/94 25 31.

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