Trauer an Weihnachten

Weihnachten für immer ohne Papa

Weihnachten ist das Fest für die ganze Familie. Wie kann ein hinterbliebener Elternteil mit seinen Kindern noch Weihnachten feiern, wenn der Partner tot ist? Antworten gibt es in Büdingen.
24. Dezember 2017, 06:00 Uhr
Besonders in der Weihnachtszeit wird der Verlust eines Elternteils für die Hinterbliebenen deutlich. Das Projekt Lacrima will betroffenen Vätern und Müttern helfen. (Foto: sax)

Bei einem ersten Treffen vier Tage vor Heiligabend sind zwei Mütter ins Café »La Porta« in der Büdinger Vorstadt gekommen. Acht Eltern hätten Interesse gezeigt, erklärt Melanie Hinze. Dass deutlich weniger kamen, enttäuscht die Projektleiterin nicht. »Trauernde brauchen Zeit«, hat sie erfahren, seit sie vor fünfeinhalb Jahren begonnen hat, für Lacrima zu arbeiten – ein von den Johannitern getragenes Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche.

»Eltern müssen einfach funktionieren.« stellt Hinze fest, dass genau diese Zeit trauernden Eltern im Alltag kaum gegeben wird. »In den 50er Jahren hatte eine Frau, wenn ihr Mann verstorben war, ein Trauerjahr einhalten müssen«, beschreibt sie den Gegensatz zwischen Tradition und heutiger Realität. »Heute müssen Frauen nach zwei Wochen wieder arbeiten.«

 

 

Trauer über einen ganzen Jahresablauf erleben

 

Man müsse bei Trauer erst einmal den ganzen Jahreslauf erlebt haben, bevor eine neue Normalität einkehre. Väter oder Mütter, die den Partner verloren haben, müssten besonders auch im Interesse der Kinder lernen, Geburtstage, den eigenen Hochzeitstag und vor allem auch Weihnachten ohne den anderen Elternteil zu begehen.

Denn solche Jahrestage, aber auch Erinnerungen im Alltag reißen die kaum vernarbten Wunden immer wieder auf. Hinze unterscheidet zwischen akuter Trauer, wenn der Tod eines nahen Angehörigen bis zu drei Monaten her ist, und der gesetzten Trauer danach. »Dann beginnen die Trauernden zu erkennen, dass das Leben auch schöne Seiten hat, dass sie trotz allem noch lachen dürfen.«

 

 

Konflikt zwischen eigenen Gefühlen und denen der Kinder

 

Dabei stehen gerade Eltern, die ihren Partner verloren haben, im Konflikt zwischen den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen und denen der Kinder, denen plötzlich Vater oder Mutter fehlt. Am Wohnort, in den Straßen, vor allem aber in der eigenen Wohnung – überall ist der verlorene Partner präsent.

Man werde von allen prüfend angesehen. »Da war immer das Gefühl, als würde man nicht mehr dazugehören«, erklärt Maren, deren Mann vor zweieinhalb Jahren gestorben ist. »Ich wollte wegziehen, habe es aber wegen der Kinder nicht gemacht.«

 

 

Mitleid hilft den Trauernden nicht weiter

 

Die Trauer »wegzupressen, um meine Kinder zu schützen, ist nicht hilfreich«, sagt sie. »Ich habe schnell festgestellt, dass das meine Grenzen überschreitet.« In einem Trauerseminar in Kloster Engelthal erfuhr Maren vom Projekt Lacrima mit einer Eltern- und einer Kindergruppe in Bad Nauheim.

Dort geht es weniger darum, sich gegenseitig zu bemitleiden. »Im Unterschied zu Mitgefühl hilft Mitleid nicht weiter«, erklärt Maren. Die Offenheit, mit der man in der Gruppe über seine Gefühle, aber auch über Alltagsprobleme reden kann, habe sie gestärkt. »Du weißt von jedem, der in dieser Situation ist, wie verletzlich er ist.«

 

 

Besserer Umgang mit trauernden Kinder gewünscht

 

Das sei im Alltag oft anders. Unbedachte Bemerkungen auch gegenüber den Kindern könnten sehr verletzend sein, weiß sie aus Erfahrung. »Kinder können grausam sein«, erklärt Projektleiterin Hinze. Und ergänzt: »Aber manche Lehrer auch.« Manches, was gedankenlos dahingesagt wird, trifft Trauernde tief. Maren wünscht sich, dass Seminare zum Umgang mit trauernden Kindern bei den Schulen besser bekannt wären und genutzt würden.

»Es ist extrem schwierig, mit Trauernden umzugehen, weil deren Gefühle variieren«, erklärt Maren, dass es viele Fallstricke für Menschen gibt, die nicht den gleichen Verlust erlitten haben. Umso mehr ist sie dankbar für die Unterstützung in ihrem Umfeld.

 

 

Neue Ideen entstehen im Austausch

 

In der Gruppe und im Begegnungscafé finden trauernde Elternteile und Kinder Verständnis von Menschen, die ähnliche Verluste erlitten haben. Im Austausch entstehen auch Ideen, wie man das Leben ohne Vater oder Mutter gestalten kann. Eine Mutter habe erzählt, sie wisse nicht, wie sie mit den Kindern Weihnachten ohne den Vater feiern solle, sagt Hinze. »Ihr feiert Weihnachten gar nicht ohne ihn«, habe sie erklärt. »Er ist ja im Herzen noch bei Euch.« Sie habe der Frau geraten, einen Ast vom Weihnachtsbaum abzuschneiden, um ihn auf das Grab zu legen, und von dort einen Gegenstand mit nach Hause zu nehmen. So könne die Verbindung symbolisch hergestellt werden.

Info

Angebote auch in Bad Nauheim

Seit 2010 bietet das Projekt Lacrima der Johanniter Unterstützung für Trauernde in einer Eltern- und einer Kindergruppe in Bad Nauheim an. Mit dem Begegnungscafé in Büdingen wurde das Angebot in den Ostkreis erweitert. Während die Gruppe ein fester Kreis ist, bei dem von einer regelmäßigen Teilnahme ausgegangen wird, soll das Begegnungscafé ein offenes Angebot sein. Hier können Väter oder Mütter, die ihren Partner verloren haben, spontan mit anderen sprechen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das Begegnungscafé ist am vierten Mittwoch im Monat ab 18.30 Uhr geöffnet, das nächste Mal am 24. Januar. Kontakt: Tel. 0 69/36 60 06-7 00 oder lacrima.rhein-main@johanniter.de.

 

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