21. Februar 2019, 17:26 Uhr

Der Schuh drückt gewaltig

Selbst Deutschlands Volkssport hat Nachwuchssorgen. Der Amateurfußball kämpft mit vielen Problemen. Beim DFB-Kongress in Kassel hofft die Verbandsspitze auch darauf, dass die Heim-EM 2024 einen neuen Aufschwung bringt.
21. Februar 2019, 17:26 Uhr
DFB-Präsident Reinhard Grindel eröffnet heute den Amateurfußball-Kongress in Kassel. Einer der zentralen Punkte bei dem Kongress wird sein, Lösungen für den Rückgang der aktiven Spieler zu finden. (Foto: dpa)

Sogar Joachim Löw schaut vorbei. Beim 3. Amateurkongress des Deutschen Fußball-Bundes am Wochenende in Kassel beschäftigen sich fast 300 Vertreter des DFB, der Regional- und Landesverbände sowie aus Kreisen und Vereinen mit den Problemen der Basis. Und der Fußballschuh drückt gewaltig. Mehr als die zunehmende Entfremdung zwischen Amateuren und Nationalmannschaft sowie die jüngsten Berichte über teure Ausschweifungen der Verbandsspitze machen den Vereinen eigene Sorgen zu schaffen.

Beim letzten Treffen 2013 wurde der sogenannte Masterplan verabschiedet, mit den Säulen Entwicklung des Spielbetriebs, Kommunikation und Service. Der Plan wurde später bis 2019 verlängert. Nun sollen »gemeinsam Lösungen und Handlungsempfehlungen zur Stabilisierung und Stärkung der Basis« verabschiedet werden. Rainer Koch, der zuständige DFB-Vizepräsident, will »vor allem auch Aufbruchstimmung verbreiten«.

Absichtserklärungen gibt es jetzt bereits viele. Reinhard Grindel wird am Freitag eine Grundsatzrede halten. »Die EURO 2024 in Deutschland bietet Chancen, die wir im oder für den Amateurfußball nutzen wollen«, sagt der Verbandschef. Die zentralen Aufgabenstellungen seien Gewinnung und Qualifizierung des ehrenamtlichen Nachwuchses und eine bessere Infrastruktur für die Clubs. Die größte Herausforderung, so Koch, sei, den »Rückgang von aktiven Fußballern und Fußballerinnen aufzuhalten und umzukehren«.

Der DFB wächst zwar weiter, zuletzt auf 7,09 Millionen Mitglieder als größter Sportfachverband der Welt, doch der Anstieg geht vor allem auf Zuwächse bei den Senioren und Frauen und auf Clubmitgliedschaften von Fans zurück. Bei den A- und B-Jugend-Teams gab es zwischen 2017 und 2018 einen Rückgang von 15 315 auf 14 969 Mannschaften. In den Altersklassen darunter ist der Trend ähnlich.

Die Nöte wurden kürzlich bei einem Treffen von Funktionären wie DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann und Vereinsvertretern im nordbadischen Kirchheim mal wieder deutlich. Die Vorwürfe aus dem Amateurlager: Zu wenig Geld vom Grundlagenvertrag zwischen dem DFB und der Deutschen Fußball Liga (DFL) lande bei den Amateuren. Zudem gebe es immer weniger Schiedsrichter, immer noch zu viel Bürokratie. Die Ehrenamtlichen fühlen sich im Stich gelassen, es gibt Nachwuchssorgen.

Ein zunehmendes Problem sind die fehlenden Sportstätten. Darum ging es bei einem Vereinsdialog in der Hauptstadt. Nach Angaben des Berliner Fußball-Verbandes (BFV) befinden sich 5000 Kinder und Jugendliche auf Wartelisten, um einem Fußballverein beizutreten.

Auch in den anderen Landesverbänden gibt es Regionalkonferenzen, um zu erfahren, wo die Clubs Probleme haben. »Absoluter Redebedarf« herrscht nach Angaben von Walter Sitorius, Leiter Spielbetrieb beim Hessischen Fußball-Verband. »Es gibt zu wenig Sportstätten in Ballungsräumen und die Tendenz zurückgehender Mannschaftszahlen in ländlichen Regionen schmerzt uns.« Die demografische Entwicklung und das veränderte Freizeitverhalten führe vor allem dazu, dass immer weniger Jugendliche im Seniorenbereich ankommen.

Grindel hat angekündigt, Gespräche mit den Oberbürgermeistern der zehn EM-Ausrichterstädte über eine Verbesserung der Sportinfrastruktur zu führen – »weil auch der beste Übungsleiter nur trainieren kann, wenn er einen Fußballplatz hat«. Koch verspürt als Bayern-Verbandschef die Schwierigkeiten vor der Haustür. »Kein Amateurstadion in der ganzen Stadt«, klagte der Spitzenfunktionär angesichts der Situation bei SV Türkgücü-Ataspor. Der Tabellenführer der Bayernliga Süd muss für Heimspiele nach Heimstetten ausweichen.

Die Probleme an der Basis sind auch bei jenen angekommen, die ganz oben im deutschen Fußball sind. »Selbst im Fußball gibt es ein Vereinssterben wie noch nie in Deutschland«, merkte Hoffenheims Bundesliga-Trainer Julian Nagelsmann an. Bundestrainer Joachim Löw spricht am Sonntag, zusammen mit Kollegin Martina Voss-Tecklenburg – in der Talkrunde soll es allerdings um ihre Planungen für 2019 gehen.

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